DAS DENKMALAMT VERBIETET JA ALLES


F.A.Z. vom 16.02.2018

In der MAN-Siedlung in Gustavsburg wollen Hauseigentümer und Denkmalschützer selten dasselbe. Ein neuer Verein soll zwischen individuellen Wünschen und Bestandsschutz vermitteln.

GINSHEIM-GUSTAVSBURG. Eulen, Esel und Erdmännchen sitzen hinter roten hölzernen Lattenzäunen im Gras und auf Kiesflächen. Hier krabbelt ein fröhlicher Zwerg an einem hölzernen Rankgitter empor, dort hockt ein finster dreinschauender Gargoyl im Rindenmulch. Rosen sind kurz geschnitten, Linden und Kugelakazien haben ihr Laub verloren, und zahllose Kübelpflanzen warten in Winterquartieren die kalte Jahreszeit ab.

Wer als Spaziergänger durch die verkehrsberuhigten Straßen der Cramer-Klett-Siedlung in Gustavsburg schlendert, entdeckt immer etwas Neues: jahreszeitliche Bepflanzungen und dekorative Elemente in den Gärten, außerdem architektonische Details an den unterschiedlichen Häusertypen wie seitliche Türmchen, Gauben, Erker, Bogenfenster und Arkaden.

Die Arbeitersiedlung der Dampfmaschinenfabrik Klett & Co., der späteren Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg MAN, entstand zwischen 1896 und 1908 in drei Bauphasen. Sie ist nach ihrem Gründer Theodor von Cramer-Klett benannt, der von 1817 bis 1884 lebte. Die Siedlung ist auch Teil der Route der Industriekultur Rhein-Main und daher überregional bekannt. Um den zentralen Cramer-Klett-Platz entstanden damals innerhalb von rund zehn Jahren 136 Häuser mit 148 Wohnungen, die die Bauabteilung der MAN und der Architekt und Hochschullehrer Karl Hofmann aus Darmstadt entwarfen. Jede Wohnung wurde mit einem eigenen Hauseingang versehen. Separate Einzelhäuser waren Meistern vorbehalten.

Die Eck-, Doppel- und Vierfamilienhäuser sind baugeschichtliche Schmuckstücke und strahlen kleinstädtische Idylle und heimische Geborgenheit aus. Die Eingänge über den hochliegenden Kellersockeln führen über mehrere Treppenstufen durch dunkelbraune Türen in kleine, von außen in Cremeweiß gehaltene Vorbauten. Das Fachwerk der Obergeschosse der Haupthäuser ist hinter honig- oder beigefarbenen Holzschindeln versteckt. Walmdächer verleihen den Gebäuden zusätzlichen Charme.

Man sehe der Siedlung die Sanierungsphase der achtziger Jahre an, sagt Britta Schack, die zuständige Bezirksdenkmalpflegerin beim Landesamt für Denkmalpflege. Sie meint damit die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, denn 1979 begann eine zwölf Jahre dauernde Generalsanierung, nachdem die Baugenossenschaft Mainspitze das Ensemble auf rund drei Hektar Fläche der MAN für 1,8 Millionen Mark abgekauft hatte. Die Siedlung wurde daraufhin wegen ihrer sozial- und baugeschichtlichen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt; das Land Hessen beteiligte sich an den hohen Sanierungskosten.

Vor mehr als einem Jahrzehnt begann die Baugenossenschaft Mainspitze, die Häuser zu verkaufen. Auch wenn die Wohnflächen der Zwei- bis Vierzimmerhäuser mit 40 bis 90 Quadratmetern knapp bemessen sind, sind zwei Drittel der Anwesen veräußert - und mittlerweile gibt es wieder Sanierungsbedarf. Deshalb waren Mitarbeiter des Landesdenkmalamts in den vergangenen Monaten öfter in der Siedlung.

Architekt Karl Hofmann habe damals für die MAN Skizzen und Pläne entwickelt, die einen öffentlichen Platz vorsahen und eine leicht organische Straßenführung, erläutert Anna Hitthaler, Volontärin im Landesamt für Denkmalpflege. Außerdem habe er eine bewusste Rhythmisierung der Bautypen erkennen lassen. Sie weist auf die Gärten hin, über die jedes Arbeiterhaus verfügt. "Dieser Aufwand ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine Arbeiterwohnsiedlung ungewöhnlich gewesen." Entstanden ist eine grün geprägte Siedlung im Heimatstil, in der sich traditionelle Vorgaben mit englischem Landhausstil und ländlicher hessischer Bauweise mischen.

Eine Gartenstadt sei die Siedlung jedoch nicht, denn der sozialreformerische Gedanke, der damit verbunden sei, fehle, sagt Markus Harzenetter, Präsident der Denkmalschutzbehörde. Die Motive des Unternehmens seien damals keineswegs altruistisch gewesen. Vielmehr sei es darum gegangen, die Arbeiter an sich zu binden. Bemerkenswert sei jedoch, dass sich zu der Zeit ein Unternehmen einen eigenen Architekten geleistet habe.

Denkmalpflegerin Schack sorgt sich um die Homogenität der Siedlung. Weil sich die Gesellschaft verändere, gehe die nach und nach verloren. Dass Eigentümer ihr denkmalgeschütztes Haus nur mit einer Sondergenehmigung renovieren dürfen, ist im Grunde jedem klar. Dass in diesem besonderen Fall auch die Gestaltung des Außengeländes darunter fällt, weiß dagegen kaum einer. Und nicht jeder ist heute noch mit Gartenstuhl, Sonnenschirm und Windlicht zufrieden. Statt urwüchsiger Gärten sind Pergola, Wintergärten mit Draußenmöbeln, Beschattungssysteme und LED-Beleuchtung samt Bewegungsmelder angesagt.

Auch die ursprünglich mit Waschbetonplatten versehenen schmalen Gehwege zum Hauseingang wurden vielerorts durch Pflastersteine ersetzt, und immergrüne Thuja- oder Ligusterhecken bieten das ganze Jahr über Sichtschutz. Auch Rasenflächen verschwinden, es gibt immer mehr überdachte Flächen zum Parken und Gartenhütten auf den Grundstücken.

"Sie können sich nicht vorstellen, wie es vor einigen Jahren hier ausgesehen hat", empören sich einige Hausbesitzer, deren Vorgärten vom Vorbesitzer zum Teil asphaltiert worden waren. Sie sind verunsichert, was dort erlaubt ist und was nicht. Was dem einen vor zehn Jahren genehmigt worden sei, werde nun untersagt, berichten Anwohner und fragen sich, ob Waschbetonplatten und Schottersteine wirklich denkmalschutzwürdig sind.

Andererseits hat jeder Hauseigentümer einen anderen Geschmack. Der eine will einen Gartenteich, der andere liebt sein Hochbeet. Im Kaufvertrag steht, dass der Bau von Garagen und überdachten Unterstellplätzen nicht gestattet ist, Geräteschuppen nur ein Höchstmaß haben dürfen und hohe Zaunhecken und Spalierwände als architektonische Bepflanzung genehmigungspflichtig seien. Auch Nadelbäumen soll es dort möglichst nicht geben. Außerdem darf in einem Garten nicht mehr als eine Anlage - Holzsichtschutzwand, Rankgerüst, Markise, Pergola - errichtet werden. Markisen sind nicht fest am Haus zu installieren, Pergolen nicht mit seitlichen Verblendungen zu versehen.

Im Kaufvertrag ist außerdem geregelt, dass der Verkäufer, also die Baugenossenschaft Mainspitze, jeder gravierenden Veränderung im Bestand zustimmen muss. Und "sollte der Käufer Veränderungen, die bildlich oder durch Pläne und Farbmuster nachgewiesen werden, vornehmen, hat er pro Verstoß eine Vertragsstrafe von zwei Prozent des Verkaufspreises an den Verkäufer zu zahlen". Das kann teuer werden.

"Das Denkmalamt verbietet ja alles", schimpfen manche Hausbesitzer. Das sei nicht richtig, erläutert Matthias Welniak. Er wohnt selbst am Cramer-Klett-Platz. So dürften Wände in Einzeldenkmälern weder entfernt noch versetzt werden, in den Arbeiterhäuschen sei das aber durchaus erlaubt - was gerade jungen Familien zugutekomme. Welniak und die anderen Bewohner sind stolz auf ihre Siedlung. "In der Vorweihnachtszeit trifft man sich schon mal auf einen Glühwein auf dem Platz", sagt er. Eine gute Nachbarschaft sei allen wichtig.

Viele in der Siedlung halten es für nötig, selbst etwas für den Erhalt ihrer Siedlung zu tun und den Denkmalschutz zu fördern. Daher hat sich im vergangenen Herbst der Förderverein Cramer-Klett-Siedlung gegründet. Dessen Ziel ist es unter anderem, das soziale Miteinander der Bewohner zu fördern, denn die Siedlung, die im Volksmund als "Cramer" bezeichnet wird, ist in dieser Hinsicht etwas Besonderes.

Nachdem Gustavsburg nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch aus einer kleinen Ziegelhütte bestand, hauchte erst der Bau der Mainzer Südbrücke über den an dieser Stelle etwa 400 Meter breiten Rhein im Jahr 1859 dem Ort neues Leben ein. Die Brücke, 1862 fertiggestellt, wurde von Klett & Co, später MAN, errichtet. Bis zum Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts erbaute das Werk zahlreiche Brücken in Deutschland, expandierte stetig und baute für seine Angestellten die denkmalgeschützte Cramer-Klett-Siedlung, die einst der Mittelpunkt der Gemeinde und des sozialen Lebens in Gustavsburg war. Das MAN-Werk Gustavsburg lag etwa 500 Meter südlich der Cramer-Klett-Siedlung. Es existierte bis 2008, bevor es von der Hörmann-Gruppe übernommen wurde.

"Wir sehen uns als Vermittler und Interessenvertreter zwischen Eigentümern, Mietern, Denkmalschutz und Denkmalpflege", sagt der Vorsitzende des Fördervereins, Matthias Welniak. Mit Öffentlichkeitsarbeit und Geschichtsforschung wollen die Mitglieder den Denkmalschutzgedanken vermitteln und ein Bewusstsein für die historische Arbeitersiedlung schaffen. "Darüber hinaus könnte man sich beispielsweise ein offenes Museum und weitere Veranstaltungen wie das ehemalige Siedlungsfest als zukünftige Projekte vorstellen." Auch will der Verein Geld für den Erhalt und die Wiederherstellung öffentlicher Plätze und Straßen beschaffen - und hofft dabei auf Landeszuschüsse.

Das Landesamt für Denkmalpflege hat die historische Entwicklung der Cramer-Klett-Siedlung wissenschaftlich recherchiert und bereitet nun die Ergebnisse auf. Daraus könnte ein Leitfaden für die Siedlungsbewohner entstehen, sagt Denkmalpflegerin Britta Schack. "Wir möchten um Verständnis werben, dass die individualisierte Außengestaltung der Hausfassaden, der Dachlandschaft und der Freiflächen samt Einfriedung nur bis zu einem gewissen Grad frei überlassen werden kann."

F.A.Z., 16.02.2018, Rhein-Main · SÜDHESSEN · WIESBADAN · RHEINGAU-TAUNUS (Rhein-Main-Zeitung), Seite 49 - Ausgabe R-DA, R-WI, R-MK, R-HT, R-F - 1282 Wörter © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.